::: Habe einen Phonak-Vertrag bis 2004

Alex Zülle war die grosse Hoffnung der Schweizer Phonak-Mannschaft. Im SonntagsBlick spricht er über seine Gefühle, Teamwechsel, über die Tour de France und seine Zukunft.

Am Donnerstag ist Ihre Grossmutter Marie in Holland gestorben. Hat das Ihre Leistung an der Tour de Romandie beeinflusst?

Nein, gar nicht. Aber es tut mir weh. Auch wenn meine Grossmama in Frieden sterben konnte.

Sie hatten ein inniges Verhältnis zu ihr.

Ja, sie hat mich während der Rennen angerufen. Sie war mein grosser Fan. Sie hat mich aufgemuntert.Die Grossmama wird mir fehlen.

Seit Ende März fahren Sie für die Schweizer Phonak-Mannschaft. Ein Teamwechsel während der Saison ist im Radsport doch eher ungewöhnlich.

Ja, der Zülle hat immer ungewöhnliche Sachen gemacht. Über den Wechsel will ich nicht viele Worte verlieren. Ein Dankeschön an Coast. Sie gaben die Unterschrift und ich war frei. Ein Dankeschön an Phonak, dass sie mich genommen haben.

Kommen wir doch noch einmal auf die Gründe zurück.

Ich war zwei Jahre bei Coast. Intern im Team war die Betreuung perfekt. Unter den Fahrern hatten wir eine tolle Kamderadschaft. Chef Günther Dahms hat uns aber alle enttäuscht. Wir sind zwar in einem Business, wo vieles nicht normal ist - aber das mit den Finanzen war schon der Hammer. Aber ich will keine dreckige Wäsche waschen. Hauptsache, ich kann mich wieder auf den Sport konzentrieren.

Doch diese Situation war für Sie neu. Wie gingen Sie damit um?

Als alter Profi musste ich plötzliche neue Erfahrungen machen. Der Weltverband hatte Coast gesperrt. Ich konnte keine Rennen fahren, verlor die Form und drei Kilo Gewicht. Ich musste wahnsinnig hart arbeiten, um für diese Romandie wieder fit zu sein. All das brauchte länger, als ich mir vorgestellt hatte.

Die deutschen Medien interpretierten, dass Sie wegen Jan Ullrich Coast verlassen hätten.

Das habe ich auch gehört. Ist aber völlig Blödsinn. Jan und ich haben sehr guten Kontakt. Er hat mich letzthin angerufen und gefragt, wann wir zusammen trainieren werden. Wir wohnen ja nur 25 km auseinander. Wenn wir beide daheim sind, trainieren wir zusammen. Die Leute, die mich kennen, wissen: Ich fahre für den Leader - egal wie er heisst. Und ich habe mich gefreut, als Jan zu Coast kam. In der Hoffnung, dass die finanzielle Situation besser würde. Ob sie besser wird, weist die Zukunft.

Mussten Sie mit dem Wechsel zu Phonak finanziell zurückkrebsen?

Ja, das darf ich sagen. In unserem Sport wird viel über Geld gesprochen. Geld ist wichtig. Aber wenn der Kopf nicht frei ist, hilft auch Geld nichts. Ich wollte meinen Beruf wieder ausüben und nicht das grosse Geld verdienen.

Wie hat man Sie bei Phonak aufgenommen?

Ganz toll. Ich bin nicht kompliziert, ich kann mich sofort anpassen. Mit mir hat keiner ein Problem, ich bin doch "ä liebe Siech".

Wie gingen Sie mit dem Druck um, diese Tour de Romandie gewinnen zu müssen.

Ich hatte schon früher und in anderen Teams diesen Druck. Einmal ging es auf, das andere Mal halt nicht. Jeder gibt 100 Prozent. Mit der Brechstange kann man Siege nicht erzwingen.

Aber Phonak muss laut Geldgeber Andi Rihs an die Tour.

Bei Coast hiess es über zwei Jahre lang nur Tour, Tour, Tour. Wir fuhren zehnmal die besseren Resultate, als sie jetzt Phonak hat. Und durften dennoch nicht starten. Die Tour ist ein politisches Thema. Entweder will uns Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc, dann sind wir dabei - oder eben nicht.

Haben Sie das Gefühl, Jean-Marie Leblanc habe etwas gegen Alex Zülle?

Nein, das denke ich nicht. Ich glaube eher, Herr Leblanc hat mich vergessen. Das Phonak-Team hat ein gutes Image. Phonak ist Sponsor von Paris-Nizza, einem Rennen, was von der Tour-Organisation durchgeführt wird. Das wird Leblanc auch berücksichtigen.

Haben Sie als 35-Jähriger noch Mumm auf eine dreiwöchige Rundfahrt wie die Tour de France?

Es ist meine Arbeit und ich mache sie gerne.

Sie sind jetzt im 13. Jahr als Radprofi. Was machen Sie 2004?

Diese Frage möchte ich noch gar nicht beantworten.

Dann gebe ich für Sie die Antwort: Sie haben 2004 noch einen Vertrag bei Phonak!

Nein, ich habe nur eine Option.

Nein, Sie haben einen rechtsgültigen Vertrag!

Ja gut, es ist so. Aber ich habe ja einmal gesagt, ich würde Ende 2003 aufhören. Aber da war ich ja noch bei Coast unter Vertrag. Eigentlich dürften Sie das gar nicht wissen.

Was hat sich im Radsport in den letzten 13 Jahren geändert?

Ich habe gemerkt, dass ich ihm Feld ein alter Rennfahrer bin. Ich fuhr mit Laurent Fignon, Greg LeMond, Sean Kelly im gleichen Feld - sie haben alle aufgehört und ich bin noch dabei. Jetzt kenne ich die Hälfte des Feldes nicht mehr. Und die werden wohl sagen "läck, dä Zülle, dä alti Siech". Ich bin zwar nicht alt, aber in dieser Sportart einer der ältesten.

Würde Sie noch einmal diesen Beruf wählen?

Ja, sicher. Wenn ich das nicht sagen würde, dann hätte ich längst aufhören müssen.

Würden Sie etwas ändern?

Nein, nein, ich habe ein schönes und gutes Palmarès. Ich bin mir mir zufrieden. Wenn ich einmal aufhöre, dann darf ich mir selbst auf die Schulter klopfen. ich hatte Hochs und Tiefs - aber ändern? Nein, gar nichts.

Aber zu Beginn unseres Gesprächs haben Sie gesagt, überall, wo der Zülle ist, passiert etwas Aussergewöhnliches.

Ja, das habe ich gesagt, weil Sie mit einer so deftigen Frage in unser Gespräch eingestiegen sind.

Ich kann Ihnen schon helfen: Stürze, Verletzungen, Festina-Dopingskandal, ausstehende Löhne in Millionenhöhe und vieles andere.

Halt, Millionen ist übertrieben. Festina schuldet mir noch viel Geld, das stimmt. Darum kümmern sich die Anwälte. Wer in unserem Geschäft einen gut dotierten Vertrag unterschreibt, unterschreibt auch viele Probleme mit.

Alex Zülle, wann heiraten Sie?

Wenn ich bereit dazu bin. Ich kenne meine Freundin Andrea schon über zehn Jahre, wir leben seit längerer Zeit zusammen. Wir werden sehen.

Haben Sie das Gefühl, im Leben etwas verpasst zu haben?

Nein, gar nicht. Ich kam spät zum Radfahren, begann mit 18 und wurde mit 23 Profi. Vorher habe ich geraucht und auch mein Bier getrunken. Ich hing herum, habe Blödsinn gebaut - das habe ich alles hinter mir.

::: Die zweite Hälfte

Wäre ich nicht Radprofi geworden...würde ich wohl immer noch als Maler arbeiten.

Porsche fahren ist für mich...Genuss udn Erholung.

Pommes Chips...sind für mich eine der schönsten Sünden.

Das Abschiedsrennen von Mauro Gianetti...das drucken Sie aber nicht, oder? Äh, war sehr lustig, verbunden mit viel Kopfschmerzen...

Militärdienst...leiste ich keinen mehr, auch wenn mir Teamkollege Oscar Camenzind aus Jux letzten Dezember einen gut gefälschten Marschbefehl geschickt hat.

Mein grösster Tick...ist mein Ordnungsfimmel.

® SonntagsBlick, 4.5.2003, Text: Hans-Peter Hildbrand