Diese beiden Artikel stammen von der Schweizer Boulevard-Zeitung BLICK und beschreiben Alex' Stimmung nach dem Blitzwechsel von Coast zu Phonak.

::: Zülle Nervös wie beim ersten Schülerrennen

Motiviert wie ein Jungprofi. Populär wie ein Tour-Sieger. Alex Zülle kribbelten die Beine wie vor dem ersten Schülerrennen. Was ein neues Trikot so alles auslöst!

Kurz ist der Schlaf vor dem Critérium International. Im Hotel «Relais» von Sedan bestürmt Zülle schon frühmorgens Kollege Dani Schnider mit Fragen. «Was meinst du? Soll ich? Soll ich nicht? Schaff ich das?» Dabei ist sich der 34-jährige Alex Zülle sicher, während 13 Saisons alles erlebt zu haben. «Mich bringt nichts mehr aus der Fassung!» Stürze, ein fünffacher Bruch des Schlüsselbeins, eine Platte mit 15 Schrauben in der Schulter aus seiner Zeit im spanischen Once-Team (1991 bis 1997).Das Dopinggeständnis, eine 8-monatige Sperre, ein hängiger Gerichtsfall mit Lohnforderungen von 750000 Franken bei Festina (1998). Enttäuschungen bei Banesto (1999 bis 2000), das zweieinhalbjährige Chaos bei Coast. Und nun, zum Abschluss der Karriere, der Vertrag im Schweizer Phonak-Team.

Zülle ist nervös, unsicher. Nach 28 Tagen wieder das erste Rennen. Es dauert, bis er auf dem Startgelände aus dem Teambus steigt. Schweizermeister Alexandre Moos muss ihn fast rausstossen.Einmal in der Menge, nach unzähligen Autogrammen, trifft er auf seine alten Coast-Kollegen. «Alex, schön, dass du weg bist, jetzt haben wir bei Coast endlich Ruhe», witzelt Thomas Liese (De). «Und, kriegt ihr den Lohn?», fragt Zülle zurück. «Wir pflegen den olympischen Gedanken», lacht Daniel Becke. «Wir fahren nur für die Ehre.» So geht das hin und her, bis Zülle gerufen wird. «Bis später im Rennen, ich muss Verpflegung holen.» Und der deutsche Coast-Chor johlt hinterher: «Alex, bring uns auch was mit. Damit wir nicht verhungern.»

Auf der 187,5 km langen ersten Etappe (Sieger Damien Nazon, Fr, auf Platz 2 der Schweizer Aurélien Clerc) fährt Zülle als 74. mit dem Feld ins Ziel. Abgemagert wie nach einer Tour de France. Mit dem Ärger der letzten Wochen hat er drei Kilo verloren. «Keine Angst, wir päppeln Alex bis zur Tour de Romandie Ende April wieder auf», so der Sportliche Leiter Jacques Michaud. Ein Sieg an der Romandie – und Zülle hat Phonak mit einer Wild Card ins Startfeld der Tour de France gefahren.

(29.3.2003, nach der 1. Etappe)


::: Zülle strahlt: «Ich bin wieder im Velo-Zirkus»

Schmerzen in den Beinen. Am Ende der Kräfte. Ausgelaugt. Das erste Rennen für das Schweizer Phonak-Team wird Alex Zülle (34) nicht vergessen. «Mit Moral, mit Moral, nur mit der Moral bin ich gefahren!»

Es ist seine 13. Saison als Radprofi. 1991 bekam er den ersten Vertrag von Once. Das spanische Blindenlotto zahlte ihm 1500 Franken pro Monat. Nun erfüllte sich ein Bubentraum, als Schweizer in einem Schweizer Team zu fahren. Stolz zeigt er Vicente Garcia Acosta, seinem Freund aus dem früheren Banesto-Team, das neue weiss-gelb-grüne Trikot des Hörgeräteherstellers. «Bei den Blinden von Once hast du angefangen, bei den Schwerhörigen von Phonak hörst du auf», lacht der Spanier. Zülle hat einen Vertrag bis Ende Saison, mit einer Option für 2004. Er ist glücklich, schwärmt und strahlt. Nach einer 28-tägigen Rennpause und dem Wegzug von Coast quälte er sich am Wochenende durch das dreiteilige Critérium International.

Auf der Flachetappe fuhr er mit dem Feld ins Ziel. Auf dem Teilstück mit den Rampen verlor er 73 Sekunden auf Sieger Brochard (Fr), im Zeitfahren erkämpfte er sich Platz 42 mit 35 Sekunden Rückstand auf Sieger Jens Voigt (De). «Ich bin wieder im Zirkus», strahlte Zülle. Selbst seine ehemaligen Teamkollegen gönnen ihm den Neuanfang. So suchte Niki Aebersold Alex vor der zweiten Etappe. «Zülle, du musst bei Coast noch Material zurückgeben», schreit er durch die Menge. «Das Velo und die drei Trikots bekommen sie schon noch», entgegnet Zülle. Er hat Coast verlassen, Niki Aebersold blieb. «Ich mag es Alex gönnen», so der Berner. «Auch wenn ich bei Coast beinahe gratis fahre.»

Dagegen ist Phonak das Schlaraffenland. Jeder Radprofi ist Angestellter des Konzerns, bekommt am 28. jeden Monats den Lohn. Drei der total sieben Velos stehen für Zülle schon nach zwei Tagen bereit. Da Phonak für jedes Land eine spezielle Aufschrift auf dem Trikot hat, kann Alex bald ins Textilgeschäft einsteigen. «Pro Land habe ich sechs Trikots. Etwa 30, so viel wie ich in den 13 Profijahren nicht bekommen habe.» Die neuen Teamkollegen haben ihn voll akzeptiert. Selbst Bike-Olympiasieger Miguel Martinez (Sp) – im Team nicht sonderlich beliebt – krümmte auf der Bergetappe den Rücken für Zülle.

Stets an seiner Seite fährt Zimmerkollege Daniel Schnider. Als Helfer und Übersetzer. Der Sportliche Leiter Jacques Michaud spricht nur Französisch. Als er Zülle verbietet, für den Spanier Dominguez zu arbeiten, schüttelt Alex den Kopf. Er tritt voll in die Pedalen, fährt Löcher zu. Bis ihn Schnider anbrüllt: «Weg da – die Drecksarbeit machen wir.»

Alex Zülle soll für Phonak siegen. Noch braucht er ein paar Rennen. «Dann bin ich für die Baskenland-Rundfahrt gerüstet.» Ein Rennen das ihm liegt, das er schon zweimal gewonnen hat.

(30.3.2003, nach den beiden Halbetappen)

© Hans-Peter Hildbrand