::: Coast-Star Alex Zülle: "So kann ich nicht arbeiten"

München - Coast und kein Ende! Die Suspendierung des Essener Rennstalls durch den Weltverband UCI ist derzeit - trotz Murcia-Rundfahrt und Paris-Nizza - das beherrschende Thema im Radsport.
Die Leitragenden der Finanzkrise bei dem Essener Rennstall, der vor Saisonbeginn mit großen Ballyhoo Tour-de-France-Gewinner Jan Ullrich unter Vertrag genommen hatte, sind in erster Linie die Coast-Fahrer und -Betreuer.
Sport1 sprach mit Alex Zülle, Vuelta-Sieger der Jahre 1996 und 1997, über seine derzeitige Situation - und die seiner Teamkollegen. Der Schweizer hätte als Kapitän am Sonntag eigentlich die Coast-Mannschaft bei der Etappenfahrt Paris-Nizza anführen sollen, aber dann kam die Sperre.


Herr Zülle, wann haben Sie erfahren, dass Coast wegen unbezahlter Rechnung für das Rennen in Frankreich gesperrt worden ist?

Freitagabend, so gegen 18 Uhr. Ich habe gerade mein Rad geputzt, um 18.30 Uhr sollte es dann Richtung Paris gehen. Ich habe wohl umsonst geputzt.

Offensichtlich. Wie schätzen Sie die Lage bei persönlich ein?

Alle fragen mich, wie es weitergeht - Familie, Freunde, Journalisten. Aber mehr als in den Zeitungen steht, weiß ich leider auch nicht.

Sie haben keine Ahnung, ob Ihr Gehalt pünktlich auf Ihrem eingezahlt wird. Mit Verlaub: Das ist schwer vorstellbar...

Glauben Sie mir, ich bin sehr froh, dass ich einen Manager und einen Buchhalter habe.

Und was sagen die? Ihr Manager Tony Rominger will Coast ja angeblich verklagen...

Dabei geht es noch um das Jahr 2002, um die ominösen 16 Prozent, die von Coast als Mehrwertsteuer einbehalten wurden.

Sie sind der Meinung, das dieses Vorgehen von Coast nicht korrekt ist?

Ich weiß, dass ich in Deutschland Quellensteuer bezahlen muss, aber keine Mehrwertsteuer! Da bin ich mir mit meinem Landsmann Niki Aebersold und den ganzen anderen ausländischen Coast-Fahrern einig.

Angeblich gab es auch Unregelmäßigkeiten beim Januar- und Februar-Gehalt der Coast-Fahrer...

Das ist leider richtig. Wir haben nur einen Teil des Gehalts bekommen. Dabei dürfte es da keine Unklarheiten geben. In meinem Vertrag ist genau festgeschrieben, welche Summe ich zu bekommen habe.

Wie stark beeinflusst die Situation des Teams ihre sportliche Leistungsfähigkeit?

Ich muss sagen: So kann ich nicht arbeiten. Wie soll man sich bei dieser Unsicherheit auf seinen Job konzentrieren? Ich gebe für meinen Arbeitgeber immer 100 Prozent Leistung, also möchte ich auch 100 Prozent Gehalt bekommen.

Falls daraus nichts mehr werden sollte, ziehen Sie dann Konsequenzen?

Falls Sie auf einen möglichen Wechsel anspielen sollten: Ich habe einen Vertrag mit Coast für das Jahr 2003. Ich weiß gar nicht, ob ich woanders hingehen könnte. Das ist ein juristisches Problem.

Würden Sie wechseln, wenn Sie könnten?

Bekanntlich fahre ich ja meine letzte Saison. Und dass ich meine Karriere nicht auf diese Art beenden möchte, ist doch wohl logisch.


Das Gespräch führte Clemens Hagen