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::: Ich werde auf Sieg fahren Alle sprachen im Winter vom Übergewicht des vorjährigen Tour-de-France-Siegers Jan Ullrich. Hatten Sie keine Gewichtsprobleme? Nein, ich habe in diesem Jahr weniger Probleme als die Jahre zuvor. So viel, wie Ullrich momentan zu schwer ist, dürfte ich gar nie zulegen, obwohl auch ich im Winter rund zwei bis drei Kilos mehr wiege als im Sommer. Mehrfache Tour-de-France-Sieger wie Greg Lemond und Miguel Indurain hatten nach der Winterpause stets mit ihrem Gewicht zu kämpfen. Woher kommt dieses Phänomen? Indurain ist gegen Ende seiner Karriere ausschließlich die Tour de France gefahren und hat sich anschließend zu sehr gehen lassen. Bei Ullrich ist das ähnlich. Ich habe mit ihm über dieses Problem gesprochen und er hat mir bestätigt, daß er zu lange pausiert hat. Gibt Ihnen das auch zu denken? Es ist mir eine Warnung, den auch ich fahre in diesem Jahr nach der Tour erstmals fast keine Rennen mehr. In den Vorjahren habe ich im Herbst meist noch die Vuelta bestritten. Ich werde deshalb mit Sicherheit mit meinem Gewicht kämpfen. Ullrich hat mir gesagt, daß er in diesem Jahr erstmals die Vuelta fahren will - auch als Vorbereitung für die Weltmeisterschaft und um das Gewicht niedrig zu halten. Haben Sie ein gutes Verhältnis zu Ullrich? Wir haben keine Probleme miteinander. Wir sind in erster Linie Konkurrenten mit denselben Zielen. Als Mensch ist er mir sehr sympathisch, denn er hat Charakter. Das beweisen auch seine Siege. Bis zur Tour werden wir wohl einen psychologischen Krieg führen - nicht nur mit Ullrich, auch mit den anderen Tourfavoriten. Ihre Saisonziele sind der Giro und die Tour - wie früher bei Indurain. Hat Sie der fünffache Toursieger inspiriert? Ja, auch wenn man Fahrer und Epoche nie direkt miteinander vergleichen kann. Trotzdem ist das Programm ähnlich. Besonders in diesem Jahr, in dem der Giro und die Tour wieder genau fünf Wochen auseinanderliegen. Und genau diese zusätzliche Woche Erholung sollte die Reserven schaffen, um sich ausreichend auf die Tour vorzubereiten. Mir ist sehr wohl bewußt, daß es sehr schwierig sein wird, beide Rundfahrten voll auf Sieg zu fahren. Dennoch sollte es machbar sein. Welche der beiden Rundfahrten hat für Sie Vorrang? Ich werde den Giro auf Sieg fahren. Tony Rominger hat nach seinem Giro-Sieg 1995 gesagt, daß es bei der Leistungsdichte praktisch nicht mehr möglich ist, beide Rundfahrten mit Siegesambitionen zu fahren. Was sagen Sie dazu? Es ist nicht unmöglich, deshalb versuche ich es. Mit einer starken Mannschaft wie der unseren wird das ganze Vorhaben für mich besser kontrollierbar - sofern Form, Gesundheit und Unterstützung der Teamkollegen stimmen. Sie sind von ONCE zu Festina gewechselt. Kann man sagen: neues Team, neue Motivation? Das stimmt. Ich bin sechs Jahre im selben Team gefahren, das perfekt organisiert war. Festina ist zwar ähnlich, aber viel internationaler besetzt. Darum ist auch die Stimmung so gut. Man kann die Mannschaften fast nicht vergleichen. Die Organisation ist bei beiden top, und das wirkt sich positiv auf die Stimmung aus. Gab es keine Anpassungsschwierigkeiten mit dem neuen Material? Ich hatte noch nie so gutes Material wie jetzt. Die Aluminium-Rahmen von unserem Fahrradlieferanten Peugeot sind optimal steif und kommen meinem Fahrstil sehr entgegen. Zudem haben wir die Sitzposition leicht verändert. Wie bleiben Sie ONCE verbunden? Sehr gut. Im Rennen sind wir zwar harte Konkurrenten. Aber ansonsten pflegen wir ein sehr herzliches Verhältnis, auch mit meinem ehemaligen Zimmerkollegen Inigo Cuesta. Wir telefonieren öfters. Ihre Saisonplanung im vergangen Jahr geriet ja ziemlich durcheinander, als Sie bei der Tour de Suisse gestürzt sind. Was ging da in Ihnen vor? Ich habe die ganze Welt verflucht. Mein Ziel, die Tour de France, auf die ich mich wochenlang kompromißlos vorbereitet hatte, war mit einem Mal unerreichbar geworden. Die ganze intensive Zeit war umsonst. Daß dabei keine Hochstimmung aufkommt, ist wohl jedem klar. Und niemand gibt einem moralische Unterstützung, denn alle haben nur davon gesprochen, daß die Tour für mich jetzt vorüber ist. In dieser Phase hat Manolo Saiz, der Sportliche Leiter von ONCE alles für Sie getan. Er hat Sie mit einem Privatflugzeug nach Spanien fliegen lassen, um sicher zu sein, daß der Schlüsselbeinbruch so schnell und sicher wie möglich in Ordnung kommt. Hat Ihnen dieses große Engagement von Saiz den Weggang von ONCE erschwert? Wie gesagt: Manolo ist und bleibt ein wichtiger Mensch in meinem Leben. Er hat alles für mich getan. Was kommt Ihnen spontan in den Sinn, wenn Sie die letzten sieben Jahre rekapitulieren? Die kameradschaftliche Aufnahme bei ONCE. Die damaligen Stars der Mannschaft, Melchior Mauri und Marino Lejaretta, haben mich als Neuling akzeptiert, als ob ich schon Jahre in der Mannschaft fahren würde. Sie haben mir auch ohne Zögern geholfen, als ich auf Anhieb gut gefahren bin. Diese Erinnerung wird mir immer bleiben. Trotzdem: Die Arbeit im Team ist eine Schicksalsgemeinschaft. Nach unseren Rücktritten werden wir uns wahrscheinlich nur noch selten sehen. Ich achte deshalb darauf, meine Freundschaften in der Schweiz zu pflegen. Denn da werde ich nach Abschluß der Karriere wieder leben. Es käme für Sie somit nie in Frage, etwa aus steuerlichen Gründen wegzuziehen? Nein, denn mir sind die Freundschaften in der Schweiz wichtiger als Geld. Dennoch habe ich Verständnis für Leute, die lieber im Ausland leben, um Steuern zu sparen. Denn unser Geld ist so sauer verdient, daß einen jeder Pedaltritt für die Steuern schmerzt. Was sind Ihre großen Ziele in den kommenden Jahren? Die Spanien-Rundfahrt habe ich gewonnen, also möchte ich noch den Giro und die Tour de France für mich entscheiden. Weltmeister im Zeitfahren bin ich auch schon gewesen, es fehlt noch der Titel auf der Straße; aber das sind natürlich hehre Ziele. Oberste Priorität hat aber der Tour-de-France-Sieg. Ich stand bereits 1995 als Zweiter hinter Indurain auf dem Podest und weiß, daß es sehr schwer ist, die Tour de France zu gewinnen, zumal die Konkurrenz immer stärker wird - und ich werde immer älter. Sie haben im vergangenen Winter härter trainiert als die Jahre zuvor. Haben Sie die Umstellung gut verkraftet? Nicht nur die Intensität hat sich geändert, mit dem Teamwechsel hat auch der Trainer gewechselt. Früher war es Manolo Saiz, jetzt ist es Antoine Moyez. Er ist etwa gleich hart wie Manolo, kennt jedoch meinen Körper noch nicht so genau wie er. Deshalb folge ich oft meinem eigenen Gefühl. Wie hat sich Ihr Training verändert? Ich habe vom Frühjahrstraining insgesamt etwa 2.000 Kilometer weniger in den Beinen als andere Jahre, bin aber im Winter mehr gefahren und war dafür weniger im Kraftraum. Das hängt allerdings auch mit dem phantasischen Wetter im November und Dezember in der Schweiz zusammen. Auf Ihrem Rennprogramm stehen fast keine Starts in der Schweiz. Hat dies einen besonderen Grund? Immerhin fahre ich heuer erstmals die Tour de Romandie. Sie wird der letzte Formtest vor dem Giro werden. Nach der Tour de France bin ich mehr oder weniger fertig mit dem Rennprogramm und beschränke mich auf kleinere Rennen. Wie werden Sie mit dem enormen Druck fertig, Leader einer Mannschaft zu sein? Ich bin ja nicht allein Leader. Mit Richard Virenque, Laurent Dufaux und Laurent Brochard sind wir gleich zu viert. Wir sind jedoch in in drei Gruppen eingeteilt, jeweils mit Priorität Giro, Tour und Classiques. Im übrigen hatten wir auch mit Laurent Jalabert einen zweiten Leader im Team. Was passiert aber, wenn es zu einer Pattsituation in der Tour käme? Es wird keine Probleme geben. Auf dem Papier ist Festina heuer noch stärker als im Vorjahr. Und es ist unser Ziel zu gewinnen. Wer letztendlich zuoberts auf dem Treppchen steht, spielt keine große Rolle. Hauptsache, es ist einer von Festina. Es wäre Ihnen also egal, wenn ein anderer Ihres Teams die Tour gewinnen würde? Ja, wenn ein anderer die bessere Form aufweist, würde ich mich für ihn einsetzten, wie er es im umgekehrten Fall auch für mich tun würde. Sie sprechen mit Laurent Dufaux spanisch? Richtig. Auch wenn es fast eine Schande ist, daß sich zwei Schweizer nicht in einer Ihrer Landessprachen verständigen können. Aber wir haben uns schon bei ONCE auf Spanisch verständigt. Was unterscheidet Festina von ONCE? Wenig. Beide Mannschaften sind sehr professionell geführt. Man kann sich voll aufs Velofahren konzentrieren. Logisch: Die beiden Sportlichen Leiter, Manolo Saiz und Bruon Roussel, unterscheiden sich im Charakter. Beide sind jedoch in der Lage, ausgezeichnet auf die verschiedensten Fahrer eingehen zu können, und beide gehen mit allen Fahrern des Teams gleich korrekt um. Beide pflegen einen sehr familiären Umgangstil. Waren es rein finanzielle Interessen, die Sie zum Wechsel motiviert haben? Auch. Ich habe immer gesagt, daß ich gerne bei ONCE geblieben wäre. Wir haben alle Möglichkeiten durchgerechnet, aber der finanzielle Unterschied war derart groß, daß mir sogar Manolo den Rat geben musste, zu gehen. Jetzt bin ich erfolgreich, jetzt sprechen die Leute von mir. Diese Zeit kann aber sehr schnell vorbei sein, und kein Mensch interessiert sich dann noch für mich. Ich habe Maler gelernt und gerne in diesem Beruf gearbeitet. Später werde ich wieder in dieser Situation sein. Darum muß ich meine derzeitigen Möglichkeiten voll ausschöpfen. Sie wohnen ja seit geraumer Zeit in Ihrem eigenen Haus. Es ist Mitte Februar fertiggestellt worden. Leider hatte ich noch nicht viel Gelegenheit, darin zu wohnen. Sicher ist mit diesem Haus ein großer Traum in Erfüllung gegangen. Allerdings mußte ich dafür in den vergangenen sechs Jahren auch viel arbeiten und werde es auch in Zukunft tun müssen, um es zu unterhalten. Dafür ist die Motivation jetzt noch größer, zwischen der Rennen nach Hause in die Schweiz zu fahren. Haben Sie die Malerarbeiten selbst erledigt? Leider hatte ich keine Zeit dazu. Interview: Martin Platter (Tour-Velo Szene Schweiz 5/98) |