::: Wenn die nächste Saison beginnt, möchte ich etwas dicker sein

Als Favorit ist er gestartet, doch dann erlebte er ein Desaster: Es war für Alex Zülle nicht leicht, seine missratene Tour de France zu verdauen. Er sagt, welche Lehren er daraus fürs nächste Jahr zieht. Doch jetzt folgt für ihn zuerst die Vuelta. Die Signale, die ihm sein Körper liefert, machen ihn allerdings skeptisch.

Alex Zülle, welcher Gedanke hat Sie in den vergangenen Wochen am meisten beschäftigt?

Das ist klar, der Gedanke an die missratene Tour. Ich habe mich auch immer an die Siege davor erinnert. Aber die Tour war für die Mannschaft und für mich das Wichtigste. Und unsere Erwartungen haben sich in keiner Weise erfüllt. Darüber hat man natürlich schon während der Tour sinniert und diskutiert, aber auch jetzt kommt das zuweilen zurück, obwohl man sich bemüht, nach vorne zu schauen. Man wird eben auch von Kollegen immer wieder darauf angesprochen.

Ist es der Umgang mit der Niederlage oder grübelt man an einem bestimmten Ereignis herum, beispielsweise an den Stürzen oder an jenen Momenten, in denen man die Minuten bündelweise kassierte?

Die Stürze am Cormez de Roselend, keine Frage. Ich war wirklich in ausgezeichneter Verfassung gewesen, ich hatte den Prolog gewonnen, obwohl ich sehr vorsichtig gefahren war. Noch im Aufstieg zum Roselend war ich überzeugt, in Les Arcs das Maillot Jaune zu übernehmen. Ich war in jener Spitzengruppe ja der am besten Klassierte. Aber dann ist es eben passiert, zweimal innert weniger Minuten.

Was war es, Pech?

Das sage ich mir, aber ich war auch selber schuld. Ich kannte die Kurve genau, bin Ugrumows Hinterrad gefolgt, war ein bisschen schneller, und plötzlich flog ich den Abhang hinunter. Angesichts der Felsblöcke hatte ich ja noch Glück. Doch der Sturz war gar nicht schlimm. Ich bin auch überhaupt nicht nervös geworden. Aber als ich die Gruppe wieder erreicht hatte, den Regenschutz auszog und keine Hand am Lenker hatte, touchierte Leblanc mein Vorderrad. Zwei Stürze in so kurzer Zeit, das war wirklich Pech. Und rückblickend muss ich sagen, von da an war alles aus.

Als Sie zum zweiten Mal am Boden lagen, haben Sie da irgend etwas realisiert? Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Manolo Saiz, unser Sportlicher Leiter, hat sogleich neben mir angehalten. Und ich muss ehrlich zugeben, in jenem Moment hätte ich das Velo am liebsten aufs Dach gestellt und wäre nach Hause gegangen.

Daß es ab jenem Moment aus war, ist Ihnen damals sicher noch nicht klar gewesen?

Nein, die Tour ging ja noch lange. An jenem Abend allerdings war ich komplett am Boden. Ich war unsäglich müde, schwer enttäuscht, sauer auf mich und die ganze Welt, da ist irgendwie alles über mir eingestürzt. Man hat mit mir geredet, versucht, mir wieder Moral einzuflössen. Aber ich habe nur noch geflucht: Weshalb dieses Pech, weshalb dieses Pech? Da hat Manolo zu mir gesagt: Mariano Rojas hat Pech gehabt, aber nicht du! Das hat mich irgendwie aufgeschreckt und mich auf den Boden zurückgeholt. Danach habe ich mich richtiggehend geschämt. (Anm.d. Red.: Zülles Teamkollege Mariano Rojas war eine Woche vor dem Tourstart bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.)

Was ist denn am anderen Tag passiert?

Da bin ich mit großer Moral ans Bergzeitfahren gegangen. Ich habe gewusst, das ist eine Spezialität, da kann ich gut fahren und mich zurückmelden. Aber es hat sich auch da gezeigt, daß es nicht mehr der Zülle in Hochform ist. Der Arzt hat zwar noch gesagt, es werde noch einige Tage dauern, bis ich ganz erholt sei. Doch es ging nur noch bergab.

Man hat Ihnen vorgeworfen, der Kopf habe einmal mehr nicht mitgemacht?

Ja, ich weiß, vor allem in Spanien. Aber das stimmt ganz einfach nicht. Ich war von mir überzeugt gewesen. Aber wenn die Beine schlecht sind, wenn von einem Moment auf den anderen dieses Gefühl weg ist, dann kann auch der Kopf nichts mehr ausrichten. Ich habe mich von da an wirklich nicht mehr gekannt. Und mit der Zeit, als ich fast täglich Minuten einbüßte, hat sich das dann selbsverständlich auch auf den Kopf ausgewirkt.

Das miserable Wetter der ersten Woche ist für Sie also kein Grund für den Formverlust?

Das hat gewiß bei allen Fahrern eine Rolle gespielt, beim einen, ich denke da an Indurain, mehr, beim anderen weniger. Früher, als Amateur, war ich im Regen besonders stark. Doch mit den Jahren als Profi wird man immer dünner, man fährt in Spanien, trainiert schon im Januar dort bei Sonnenschein, da wird man aufs schlechte Wetter wohl ein bißchen anfälliger.

Sie denken also nicht, daß Sie in der Vorbereitung Fehler gemacht haben?

Ich muß gleich vorwegnehmen: Das Programm, das Saiz zusammengestellt hat, war super. Aber ich bin tatsächlich der Meinung, daß wir zuviel gemacht haben. Ich hatte vor dem Start zur Tour zehn Saisonsiege. Die sind nicht einfach von nichts gekommen, die haben zwar Moral gebracht, aber auch Energien gekostet. Als ich Manolo darauf aufmerksam gemacht habe, hat er mir geantwortet: Alex, es war das gleiche Programm wie letztes Jahr, als du Zweiter geworden bist. Doch da mußte ich ihm klar entgegnen, daß ich damals nach der Tour komplett am Ende war. Und ich bin überzeugt, daß man bei der heutigen Leistungsdichte nicht zwei solche Saisons hinlegen kann. Sogar Indurain hatte diesmal das Gefühl, vor der Tour zuviel gemacht zu haben. Und der hat später begonnen als wir.

Was hat Saiz darauf geantwortet?

Daß wir eine Saison der Zurückhaltung schon 1994 erfolglos versucht haben. Und er will natürlich auch die Rennen zuvor gewinnen, das verstehe ich. Denn auf die Tour bereiten sich viele Fahrer vor und gewinnen kann sie halt beim besten Willen nur einer. Aber ich denke, daß man mit seinen Kräften haushälterischer umgehen muß als wir, wenn man die Tour gewinnen will. Das Problem ist, daß das keine Garantie ist und dann steht man am Ende vielleicht mit leeren Händen da.

Selbst Bjarne Riis hat ja gesagt, daß ihm die krankheitsbedingte Pause an der Tour de Suisse wahrscheinlich gut getan hat, sonst wäre er wohl zuviel gefahren.

Ja, und von ihm hat man zuvor nun wirklich nichts gesehen. Man weiß spätestens seit dem letzen Jahr, daß er sich präzise vorzubereiten weiß. Im Februar kam Riis zu den Rennen auf Mallorca und hatte einen Hintern, der noch doppelt so breit war wie jetzt.

Ihr Trainigskollege Rolf Järmann hat gesagt, Sie hätten schon im letzen Winter die Überzeugung gehabt, eine gute Tour zu fahren. Sie seien ruhiger und viel selbstbewußter geworden. Ist das so, oder habe Sie das gespielt?

Nein, das habe ich nicht gespielt. Ich denke, das Selbsbewußtsein ist einerseits eine Folge der guten Resultate aus dem letzten Jahr und andrerseits eine Folge eines normalen Reifeprozesses, schließlich komme ich jetzt ins beste Rennfahreralter. Selbst Kollegen haben mir gesagt, sie seien erstaunt gewesen, wie ruhig ich vor der Tour gewesen sei. Gut, wenn es dann so schlecht läuft wie dieses Jahr, ist die Ruhe vielleicht auch wieder weg.

Was ist die Lehre für das nächste Jahr?

Die Saison noch geruhsamer angehen. Ich weiss, da muss ich mich auch selbst in die Finger nehmen. Wenn man weniger macht, kommt schnell das schlechte Gewissen. In den Rennen gilt es dann, wenn die anderen schon gewinnen, cool zu bleiben, so wie Riis. Das ist das größte Problem. Im Frühling ist Indurain im Feld mehr als einmal zu mir gekommen und hat gesagt: He Alex, rase nicht so, die Saison ist noch lang. Und um nicht zu früh zu trainieren, will ich mich auch anderen Sportarten zuwenden. Rollerblades fahren, Langlauf, usw. Und ich möchte auch etwas dicker in die Saison gehen, das kommt mir entgegen, weil ich gern geniesse. Ich weiß freilich, daß es nicht wie bei Indurain sechs, sieben Kilo mehr sein dürfen. Ich hätte mehr Schwierigkeiten, die loszuwerden.

Vor dem Winter folgt aber noch die Vuelta und die WM in Lugano?

Nun, die WM fährt sicher gut, wer gut aus der Vuelta kommt. Die ist für mich natürlich zentral. Aber ehrlich gesagt, weiß ich selber nicht recht, was ich mir ausrechnen soll. Ich bin sicher nicht so kaputt wie zum gleichen Zeitpunkt im letzten Jahr. Ich habe in Atlanta gemerkt, daß die Form zurückkommt. Und trotzdem gibt es immer wieder schlechtere Tage, und nach langen Fahrten fühle ich mich müde. Das deutet nicht auf das beste Erholungsvermögen hin. Natürlich werde ich alles probieren, um aufs Podest zu fahren.

Aber die Überzeugung fehlt, weil Sie die schlechten Tage nicht negieren können?

Genau das ist es.

Was erwartet denn Saiz von Ihnen?

Er hatte am Ende der Tour auch die Nase voll, doch schon wenige Tage später war er wieder voller Tatendrang. Er steht natürlich auch unter Druck. Er ist überzeugt, daß es gut gehen wird. Er hat per Fax auch anspruchsvolle Trainingsprogramm geschickt, so als hätte es die Tour nicht gegeben. Da merkt man, daß er nie auf diesem Niveau gefahren ist. Ich musste schon mehr auf meinen Körper horchen als einfach den Plan zu befolgen.

Diese leise Kritik an Saiz, ist das ein Hinweis auf Abnützungserscheinungen?

Nein, so möchte ich das nicht formulieren. Natürlich ist der Umgang mit ihm nicht mehr der gleiche, weil ich selbstständiger geworden bin. Aber Manolo macht seine Arbeit nach wie vor sehr gut, er ist immer für die Mannschaft da. Und ich muss auch betonen, daß ich ihn als Typ sehr schätze. Er macht Fehler, wie jeder andere auch. Falls Sie damit einen möglichen Mannschaftswechsel ansprechen, weil nächstes Jahr mein Vertrag mit ONCE ausläuft: An diese Möglichkeit denke ich schon, aber Saiz wäre gewiß nicht der Grund für einen Weggang. ONCE ist eines der besten Teams, viele Fahrer wären froh, bei uns engagiert zu sein.

Die Triebkraft zu einem Wechsel ist also, nach sechs Jahren in einer neuen Umgebung eine neue Motivation zu finden?

Exakt. Es wäre gelogen, wenn ich nicht sagte, daß ich daran schon herumstudiert habe. Aber bisher waren es Gedanken ohne irgendwelchen Druck, denn konkret muß ich mich damit in der nächsten Saison befassen. Mich nicht ständig in solchen Situation zu befinden, ist schließlich der Grund, warum ich damals für vier Jahre unterschrieben habe.

Wenn Sie an ein neues Umfeld denken, wie sieht das aus?

Mit anderen Leuten am Tisch zu sitzen, vielleicht eine andere Arbeitsweise kennenzulernen. Es sind ja meist nur die Details, eine andere Trikotfarbe, anderes Material. Wenn ich nur schon daran denke, daß ich immer über unsere Hosen fluche, die einfach nicht gut sind. So denkt man natürlich vor allem, wenn's nicht läuft und man die Nase voll hat. Aber meistens folgt danach gleich wieder der Gedanke, daß ich es hier eigentlich doch sehr gut habe.

Welche Gedanken, glauben Sie, macht man sich bei ONCE über Ihre Zukunft?

Manolo Saiz ist ziemlich sicher der Überzeugung, der Zülle bleibt bei uns, schließlich sind wir eine große Familie. Er wäre womöglich beleidigt, wenn ich wegginge. Das ist wohl der spanische Stolz.

Einmal mit anderen Leute zu arbeiten, ist der Wunsch durch Ihre Erfahrung an den Olympischen Spielen verstärkt worden?

Es war zumindest ein sehr interessante Erfahrung. Wolfram Lindner ist im Gegensatz zu Saiz ein sehr, sehr ruhiger Typ, der für eine ausgezeichnete Atmosphäre gesorgt hat. Es ist nicht so, daß er mir viele neue Dinge gezeigt hätte, aber er hat Sachen anders rübergebracht. Er weiß wirklich unheimlich viel. Vor dem Zeitfahren bin ich allein mit ihm Essen gegangen. Da hat er erzählt, von den früheren Zeiten in der DDR. Ich hätte ihm noch stundenlang zuhören können.

Alex Zülle gilt als Typ, der sich zu hundert Prozent dem Radsport widmet und sich durch nichts ablenken läßt. Ist das so, oder haben Sie in letzter Zeit auch daran gedacht, eine Familie zu gründen?

Es ist richtig, daß ich mich hundertprozentig auf meinen Beruf konzentriere. Was freilich nicht heißt, daß ich nicht an eine Familie denke. Aber es ist nicht so, daß ich im Moment eine eigene Familie vermisse. Ich habe auch keine Zeit für ein besonders Hobby. Und trotzdem: Jene Leute, die in mir jemanden sehen, der nur ans Velo denkt, kennen mich wohl auch nur als Radrennfahrer. Das Bild ist dann doch zu seriös. Jene, die auch mein Privatleben sehen, denken wohl eher, daß ich des Abends zu oft ausgehe. Andere Fahrer liegen vielleicht auf dem Sofa und erholen sich. Aber mit der Freundin oder mit Kollegen ausgehen ist meine Zerstreuung, die ich brauche. Vor allem wenn die Saison lang wird.

Momente also, die sich deutlich vom Alltag als Profi abgrenzen?

Ja, ich finde es wichtig, daß man auch ein anderes Leben kennt. Das ist dann bedeutsam, wenn es nicht gut läuft. Man weiß dann, es gibt noch anderes. Ich kenne viele Fahrer, die sind in der Niederlage nicht mehr ansprechbar, können nicht mehr lachen. Ich denke, daß das bei mir nicht der Fall ist. Ich gebe mir Mühe, in jenen Momenten die Relationen zu setzten.

Und auch in schwierigen Momenten mit der Presse zu sprechen?

Genau, das bemühe ich mich zu tun. Natürlich wäre es mir am liebsten, es ginge immer gut. Aber die Pressearbeit ist ein Teil meines Berufes. Und mit der Zeit lernt man ja auch, zu unterscheiden und nicht alle Journalisten in den gleichen Topf zu werfen. Ich denke auch, daß ich mit Kritik gut umgehen kann. Das lohnt sich auch. Es ist gut für das Image, wenn man sich auch in schlechten Momenten stellt. Ich beispielsweise hatte trotz der missratenen Tour keine schlechte Presse.

Es gibt Fahrer, die sich beklagen, das Bild, das die Presse von ihnen der Öffentlichkeit wiedergibt, sei falsch. Glauben Sie, daß man von Ihnen ein richtiges Bild malt?

Doch, doch, das Bild trifft zu, sonst müsste ich mir sagen, daß ich etwas falsch mache. Wie gesagt, darüber kann ich mich nicht beklagen. Natürlich gibt es Ausnahmefälle, wie bei allem.

Dann wird über Sie also nichts in Umlauf gesetzt, das falsch ist?

Wenn, dann ist es ein Detail, das mich zuweilen aufregt: Meine Kurzsichtigkeit. Meine Brille wird als Problem geschildert, noch eh etwas passiert ist. Wenn die ersten Regentropfen fallen, heißt es, oh, der Zülle ist benachteiligt. Erstens fahren die meisten mit Brille. Zweitens sind jene Momente, in denen die Kurzsichtigkeit vielleicht meine Leistung beeinträchtigt hat, absolut vernachlässigbar.. Ich bin an der Tour nicht deswegen gestürzt. Und seit ich die Brillenmarke gewechselt habe, ist auch das Anlaufen der Gläser kein Problem mehr.

Interview: Daniel Hostettler