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::: Mein Herz schlägt noch immer für den Radsport Das Königreich des Alex Zülle sind die grossen Rundfahrten (17 Siege, davon zwei Vueltas), das Zeitfahren (35 Erfolge, darunter die Weltmeisterschaft 1996) und die Bergetappen (11). Der St.-Galler hat nicht mehr als zwei Flachetappen gewonnen... Sein Sieg im Schnee erinnert uns daran, dass sich Alex Zülle dem Skisport verschrieben hatte. "Ich bereitete mich auf die Skisaison durch Radfahren vor." Mit 18 Jahren, ausgestattet mit einfachen Turnschuhen überholte er eine Gruppe Profis beim Trainieren! Der ehemalige Schweizermeister Guido Amrhein überzeugte die Familie Zülle, dass Alex auf's Rad und nicht auf Skier gehörte... 1991 startete der St.-Galler aus Wil durch wie eine Rakete: Mit 23 gewann er gleich sein erstes Profirennen. Danach stand er 64 Mal auf dem Siegerpodest, darunter zweimal bei der Spanienrundfahrt... Bei der Tour de France 1998 unterbrach die berühmte Festina-Affäre brutal einen Aufstieg, der mit einem Sieg der Grossen Schleife gipfeln sollte.Sie endete jedoch mit mit acht Monaten Dopingsperre. Und trotz eines zweiten Platzes 1999 hinter Armstrong (1995 hatte Indurain ihn geschlagen) konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass seine Karriere seit drei Jahren auf dem absteigenden Ast ist. "Ich stehe für meine Fehler gerade", sagt er, ohne es zu bereuen, mit dem Skifahren aufgehört zu haben... Widmen Sie ihrem Chef den Sieg in Leysin? Ich hatte meine erste Meinungsverschiedenheit mit Günther Dahms. Da Coast eine deutsche Mannschaft ist, wollten wir bei "Rund um den Henninger Turm" brillieren. Aber ich wollte die Tour de Romandie bestreiten, denn ich bin ein Etappenfahrer. Ich haber meinen Standpunkt deutlich gemacht. Ich bin immer noch als Leader akzeptiert, denn ich lehne es nicht ab, Verantwortung zu übernehmen. Mein Sieg im Schnee hat das bewiesen. Was meinen Chef betrifft, verfolgt die Rennen sehr intensiv, aber er mischt sich nicht weiter in technische Belange ein. Sie sitzen also nicht mit einem sehr guten Vertrag in der Tasche (Anm. d. Red.: 1,5 Mio SFR pro Jahr) Ihre Zeit bis zum Rücktritt vom Radsport ab? Das Geld ist immer ein wichtiges Thema für einen Profi, aber es ist nicht das Einzige! Mein Herz schlägt noch immer für den Radsport! Ich bin fähig, in einer Saison von Null anzufangen, zwei-, dreimal zu gewinnen. Ich bin von Grund auf motiviert, ich habe die Moral, Rennen zu fahren, um zu trainieren und um zu leiden. Wenn ich nur noch auf mein Karriereende warten würde, wie sie sagen, wäre ich bei "Rund um den Henninger Turm" mitgefahren, ein Ein-Tages-Rennen, anstatt mich eine ganze Woche in der Hölle der Tour de Romandie zu quälen. Um bei der Tour de Romandie zu bleiben, die Sie durch einen Sturz verloren haben. Zülle, das Synomym für Stürze? Pascal Richard schätze einmal, dass Sie nicht öfter als andere stürzen, aber über Ihre Stürze wird ständig gesprochen, denn Zülle ist immer ein Favorit für das Gesamtklassement... Diese letzte These gefällt mir! Es ist lange her, dass ich nicht gefallen bin. An jenem Tag war ich nicht der Einzige, der gestürzt ist. Der Spanier Garate ist vor mir ausgerutscht, die anderen hinter mir sind ebenfalls hingefallen. Darüber hat man kaum gesprochen, nur über mich. Eine weitere unangenehme Geschichte: Das Team Coast wurde nicht zur Tour de France eingeladen... Sie haben den Sieger des Giro dem Gewinner der Vuelta, mein Teamkollege Casero, vorgezogen. Im ersten Moment wollte ich rebellieren. Aber was soll man machen? Das ist meine zwölfte Profisaison. Gott weiss, dass ich Höhen und Tiefen durchgemacht habe! Ich hatte die Angewohnheit, meinen Geburtstag bei der Tour zu feiern. Für meine jüngeren Teamkollegen ist es sicher noch ärgerlicher als für mich. Wäre es nicht die letzte Gelegenheit, die Tour zu fahren? Sie können es ruhig wagen, die Frage zu stellen: Alex, ist es nicht deine Abschiedssaison? Ich weiss es einfach nicht. Mein Vertrag mit Coast läuft im Oktober aus. Bis jetzt, ob Sie es glauben oder nicht, habe ich mich auf nichts anderes als auch meine Rennen konzentriert. Wenn ich mich so sehe, es ist kaum vorstellbar dass ich mein Rad an den Nagel hänge, nicht nur, dass mich das ziemlich traurig machen würde, sondern ich müsste auch einen gutenTeil von mir entbehren. Es ist also nicht zwingend Ihre Abschiedssaison? Ich habe Lust, meinem Sponsor, der Öffentlichkeit - und mir selbst! - zu beweisen, dass ich immer noch in der Lage bin, Resultate zu bringen. Ich habe zu Jahresbeginn die Vuelta a Valencia gewonnen. Ich war noch nie so früh in Form wie jetzt. Wir wurden nicht zur Tour eingeladen, ich werde den Giro nicht fahren; mein grosses Ziel im Herbst meiner Karriere ist es, auf den schweizerischen Strassen zu glänzen. Haben die Ereignisse von 1998 (Die Disqualifikation in der Tour de France mit der Festina-Mannschaft, mit der Folge eines achtmonatigen Dopingsperre)ihre Sicht der Dinge verändert? Im ersten Moment hatte ich Lust, alles hinzuschmeissen. Ich wollte einfach nur aufhören. Aber ich habe von der Unterstützung meiner Umgebung profitiert. Wie meine damaligen Mannschaftskameraden Laurent Dufaux und Armin Meier. In diesem Fall war ich intelligent genug, mich in Frage zu stellen. Sie haben das Images eines integren, offenen und pflichtbewussten Fahrers. Sie haben ebenfalls eine beeindruckende Erfolgsliste. Sie sind dadurch tiefer gefallen als alle anderen, oder? So ist es, ja! Ich kann nicht leugnen, dass ich wütend war, auf die ganze Welt, auf den Moment, auch auf die Presse. Aber ich bin zurück gekommen. Ich übernehme die Verantwortung, auch wenn ich weiss, dass ich eine Menge Fehler gemacht habe Bereuen Sie etwas? (Er zögert) Die schlimmen Momente 1998, keiner möchte das nochmal erleben. Aber, in gewisser Weise habe ich davon profitiert, ich bin reifer geworden. Ich bin stärker und anspruchsvoller mir gegenüber geworden. In Ihrer Villa in Zuckenriet haben Sie, sagt man, zwei Kinderzimmer eingerichtet... Der Traum, eine Familie zu gründen. Ich liebe Kinder. Aber jetzt muss ich mir eingestehen, dass wir als Paar eine schwere Krise durchlebt haben. Ich will das nicht ausweiten. Andrea und ich, wir haben einen Ausweg gefunden. Und wenn eines Tages Alex Zülle Junior zu Ihnen sagt: Ich will Radprofi werden, bist du einverstanden, Papa? Eine sehr gute Frage! ( Er überlegt) Ich würde ihn entscheiden lassen. Solange er meine Hilfe bräuchte, hätte ich Bedenken, ihn zu leiten, ihm zu helfen, mit den etwas schwierigeren Fragen nicht in Berührung zu kommen. Es gibt einen Menge anderer interessanter Sportarten... Um es so zu sagen, selbst wenn ich heute entscheiden würde, aufgrund meiner Erfahrungen, der anderen Sichtweise, würde ich mich nicht als Moralapostel aufspielen. Edouard Stutz |