::: Ich will für mich selbst nochmal etwas beweisen

Alex Zülle hat eine ziemlich katastrophale Saison 2001 hinter sich. Nach einem ausgezeichneten Auftakt mit dem Sieg bei der Königsetappe von Paris-Nizza folgte nichts mehr: Resultate Fehlanzeige. In der Schweizer Presse demontierte man den zweifachen Vueltasieger und Tour de France- Zweiten von 1999 genüßlich. Bei Team Coast hielt man an dem 33-jährigen Eidgenossen mit Millionensalär fest und hofft darauf, dass er 2002 nochmal an alte Zeiten anknüpfen kann. RADSPORT-NEWS.COM sprach mit Zülle über die abgelaufene und über die neue Saison.

RADSPORT-NEWS.COM: Alex Zülle, Ihre letzte Saison war ja nicht so toll. Was war los?

Naja, ich habe vor der Saison sehr gut trainiert. Ich kam mit guter Form aus dem Trainingslager in Mexiko. Und bin auch zunächst gut gestartet mit dem Etappensieg bei Paris-Nizza. Aber danach konnte ich das irgendwie nicht mehr fortsetzen. Ich bin überhaupt nicht mehr in Schwung gekommen. Nichts ging. Und dann fängt man an, an sich selbst zu zweifeln. Aus diesem Loch bin ich nicht mehr herausgekommen. Ich habe das aber jetzt abgehakt. Ich habe neu begonnen. Ich bin sicher, 2002 werde ich wieder besser fahren.

RADSPORT-NEWS.COM: Was sind Ihre Ziele in der kommenden Saison?

Zunächst ist Paris-Nizza und auch Critérium International wichtig, für mich und auch das Team wegen dem Thema Tour de France, weil man sich dort empfehlen muss für eine Einladung. Aber alle anderen Mannschaften, die noch auf eine Wildcard für die Tour hoffen, denken genauso, da wird das um so schwieriger. Für mich persönlich sind die spanischen Rundfahrten wichtig, Valencia am Anfang und dann Baskenland-Rundfahrt. Ich habe mein Programm so gestaltet, dass ich ich mit Topform ins Baskenland gehe.

RADSPORT-NEWS.COM: Und wie sieht es mit den großen Rundfahrten aus?

Nun, wir fahren Giro und Vuelta, das ist sicher. Ob ich den Giro fahren werde, weiß ich noch nicht, ich werde noch abwarten. Ich bin erst ein Mal in meiner Karriere den Giro gefahren. Es ist eine schöne Rundfahrt, aber ich werde warten mit einer Zusage. Wenn wir zur Tour de France eingeladen werden sollten, würde ich die Tour fahren, nicht den Giro. Ich will daher jetzt noch nicht meinen Giro-Start ankündigen, wenn ich vielleicht nachher doch nicht fahre. Es gibt jetzt viele Leute, die sind fix dabei und sagen, wir fahren den Giro. Aber wenn's plötzlich heißt, wir sind bei der Tour dabei, steigen die auch wieder aus...

RADSPORT-NEWS.COM: Tour de France- würde da noch einmal ein Traum für Sie in Erfüllung gehen?

Für den Sponsor wäre das unheimlich wichtig. Ein Traum? Naja, man kann nicht einfach so zur Tour gehen. Man muss Form haben, man muss akzeptiert werden von den Organisatoren. Ich war schon viele Male bei der Tour de France. Jeder Tour-Start ist wieder aufs Neue sehr, sehr wichtig, auch für mich persönlich. Ich fahre ja auch keine fünf Jahre mehr. Nochmal etwas zeigen zu können bei der Tour, das wäre sehr schön.

RADSPORT-NEWS.COM: Letztes Jahr hat es ja nicht geklappt mit der Tour-Einladung. Was macht Sie jetzt optimistischer?

Letzes Jahr waren wir nicht wirklich enttäuscht, keine Einladung bekommen zu haben. Man muss sehen, dass wir zwar über 20 Rennfahrer hatten, aber viele junge Fahrer waren darunter. Wir sind praktisch immer mit den gleichen acht, neun Fahrern angetreten. Wir haben die Entscheidung der Tour voll akzeptiert und hatten ohnehin nicht mit einer Einladung kalkuliert. Wir waren dann bei der Vuelta, bei der wir gar nicht mal so schlecht gefahren sind mit Fernando (Escartin) als Leader. Aber die ganze Presse - und auch wir - haben natürlich noch mehr erwartet, das ist ganz klar. Aber jetzt zählt das alles nichts mehr. Es geht 2002 wieder los. Neues Spiel, neues Glück.

RADSPORT-NEWS.COM: Coast hat sich sehr verstärkt, wie sehen Sie das?

Auf dem Papier sind wie sehr stark geworden. Aber dass wir theoretisch ein starkes Team sind, davon können wir uns nichts kaufen. Wir haben jetzt mehrere Leader, einige Fahrer können bei uns Rennen gewinnen. Wir Fahrer müssen das aber jetzt in der Praxis umsetzen. Die Teamleitung muss jetzt genau schauen, wer wo eingesetzt wird. Die Renneinteilung ist sehr wichtig. Ich freue mich, dass wir neben unserem Teamchef Wolfram Lindner einen Sportdirektor Juan Fernandez bekommen haben. Ich kenne Fernandez persönlich noch von 1998, ich habe einen Monat mit ihm bei der Vuelta zusammengearbeitet, als er damals im Herbst zu Festina kam. Juan bringt sehr viel Moral in das Team.

RADSPORT-NEWS.COM: Wie sieht denn Ihre Rolle im Team aus? Man könnte ja annehmen, dass nach der Verpflichtung von hochkarätigen Männern wie Casero oder Beltran ein Alex Zülle nicht mehr die Hauptrolle spielen wird, zumal Sie ja ein schlechtes Jahr hinter sich haben.

Wenn einer besser fährt als ich, gibt es da überhaupt keine Probleme für mich, mit oder für ihn zu arbeiten. Das gilt aber umgekehrt auch bei den anderen, denke ich. Wenn ein Alex Zülle in Form ist, arbeiten sie für mich. Das wichtigste ist die Mannschaft, es geht um so viel. Man muss da ganz flexibel sein. Zum Beispiel wenn ein kleiner Fahrer plötzlich kommt und der hat Form, man sieht, der kann ein Rennen gewinnen, dann müssen wir alle für ihn arbeiten. Großer Star oder nicht das zählt überhaupt nicht.

RADSPORT-NEWS.COM: Aber Sie möchten doch sicher nicht die Saison 2002 als Domestike für andere bestreiten?

Nein, sicher geht es für mich persönlich schon auch darum, nach vorn an die Spitze zu kommen. Das will ich erreichen. Und wenn mir das gelingt, ist die Aufmerksamkeit auch wieder schnell auf mich gerichtet. Das geht dann ganz von alleine.

RADSPORT-NEWS.COM: Waren Sie enttäuscht über die negativen Berichte über Sie in der Presse im letzten Jahr?

Enttäuscht? Nein, wenn ich Journalist wäre, würde ich es vermutlich ja auch nicht anders machen... Die Kritik, negative Berichte, das gehört einfach auch dazu. In dem Moment, in dem du einen guten Vertrag unterschreibst, unterschreibst du nicht nur für die positiven Dinge. Auch mit der anderen Seite muss man umgehen können. So beweist man, ob man ein Sportsmann ist oder nicht. Klar, das hört sich jetzt einfacher an als es ist. Ich habe natürlich auch schwere Zeiten gehabt. Ich steckte in einem Loch und wenn du dann Negatives über dich liest, motiviert das auch nicht unbedingt. Aber da bin ich sicher kein Einzelfall im Sport.


RADSPORT-NEWS.COM: Aber es gab schon auch unfaire Tiefschläge?

Ich hatte ja auch schon in Jahren vorher mal schlechte Zeiten, wo man dann selbst nicht mit sich zufrieden ist. Und dann kommt auch noch die öffentliche Kritik dazu. Das ist halt so. Da muss man eben durch. Das macht letztlich dann den Unterschied aus zwischen einem großen und einem kleinen Fahrer. Ich denke, ich habe in meinem Rennfahrerleben schon viel bewiesen. Was ich jetzt noch mache, tue ich für die Mannschaft und für mich persönlich. Ich will Charakter zeigen. Ich will es nochmal zeigen. Das ist die Motivation für mich, deshalb bin ich noch dabei.