::: Der Giro ist ein Abenteuer für mich. Ich freue mich darauf

Was war für Sie in der Tour de Romandie wichtiger: Daß Sie Laurent Dufaux zum Sieg verholfen haben oder der geglückte Formtest?

Für Festina sind die Rennen in der Schweiz sehr wichtig, also war es auch wichtig, daß wir hier gewinnen konnten. Entsprechend hart habe ich auch gearbeitet, und ich habe dabei sicher auch viel Energie verbraucht. Doch das haben Gotti und Tonkow in der Walliser Etappe auch, auch sie waren dort am Limit. Andererseits brauchte ich die Bestätigung, daß ich vor dem Giro auf dem richtigen Weg bin, ich hatte einen Vergleich mit meinen Giro-Rivalen und der fiel sehr positiv aus. Für meinen Kopf war das sehr wichtig.

Sind Sie nicht schon fast zu gut in Form?

Das kann man gar nicht sein. Und ich hoffe, daß ich mich bis zur letzten Giro-Woche noch steigern kann. Im Zeitfahren war das Gefühl nicht besonders gut, ich spürte die Anstrengungen von den Tagen zuvor, es war ein Krampf. Um so schöner, daß ich gewinnen konnte. Ich kann kaum glauben, daß ich die Entscheidung auf der zweiten Streckenhälfte erzwang.

Hätten Sie es als Leader nicht leichter gehabt, wenn nicht Sie für Dufaux, sondern alle für Sie gefahren wären?

Ich hätte wohl weniger arbeiten müssen, aber ich hätte wegen all der Interviews und der Dopingkontrolle ein paar Stunden weniger Zeit gehabt, um mich zu erholen.

Wie sieht jetzt Ihre letzte Woche vor dem Giro aus?

Ich hatte vor der Tour de Romandie, als die andern den Trentino fuhren, zu Hause sehr gut und hart trainiert, jetzt bin ich eine Woche lang voll gefahren, deshalb steht jetzt die Erholung im Vordergrund, mit einem einzigen harten vier- bis fünfstündigen Training am Mittwoch.

Sie haben in der Woche vor der Tour de Romandie die wichtigsten Giro-Pässe besichtigt. Pantani und Gotti hoffen darauf, daß Ihnen diese Pässe zu steil sind. Fürchten Sie sich?

Angst darfs es vor nichts oder niemanden geben. Aber ich muss doch gestehen, daß ich beeindruckt war. Man spricht immer nur von der Tour de France, doch nach dem, was ich gesehen habe, weiß ich, daß man sehr, sehr stark sein muss, um den Giro zu gewinnen. Die Tour ist schwer, doch Marmolada, Croce Domini und andere Pässe in den Dolomiten sind ein anderes Kaliber, nicht nur steil, sondern auch lang. Einige der Steigungen konnten wir nur mit dem Auto fahren. Da musste ich sagen: So, hört auf, hier kann das Rennen nicht durchgehen. So gesehen wird für mich der Giro ein neues Kapitel. Ich freue mich drauf, es wird für mich ein Abenteuer. Ich bin in meinen Augen nicht der Favorit. Für mich sind es Tonkov und Gotti, die dieses Rennen schon einmal gewonnen haben, und Pantani, der es gewinnen muss. Nach ihnen werde ich mich richten.

Schluckten Sie nicht zuerst ein Mal leer, als Ihnen Ihr Sportlicher Leiter Bruno Roussel den Giro als Saisonhöhepunkt verschrieb?

Schon in den letzten Jahren bei ONCE habe ich mit Manolo Saiz über den Giro gesprochen, und ich hatte mit der Zeit auch Lust darauf. Der Gedanke an den Giro war mir also nicht fremd, als Roussel mit mir darüber sprach. In Sachen Programm ist Roussel ein Schlitzohr, und so konnte er mir das Double Giro/Tour schmackhaft machen. Denn ich weiß: Nach der Tour ist für mich praktisch Schluß, da fahre ich noch einige Kriterien, das Paarzeitfahren von Baden-Baden und sonst ein paar Rennen.

Sie mussten ohnehin umdenken. Bein ONCE gab es einen intensiven Frühling, danach eine Pause, dann zur Tour de France und Vuelta. Jetzt war der Frühling für Sie nur Vorbereitung.

Roussel war im Winter bei mir zu Hause und hat die Sache mit mir intensiv besprochen. Vom Körper her sei es möglich, ein Jahr lang immer so voll zu fahren wie ich das früher getan habe, sagte er. Das Problem sei der Kopf. Ich musste ihm sofort zustimmen. Die stetige Konzentration aufs Gewinnen braucht Substanz und mit der Zeit geht die Lust auf den Sieg verloren. Roussel machte mir klar, daß ich in den kleineren Rundfahrten nichts mehr zu beweisen hätte. Als Tour-Zweiter und Vuelta-Sieger müsse ich mich auf die großen Rundfahrten konzentrieren. Und so war ich einverstanden, als er mir als erste Aufgabe für die Saison den Giro gab.

Das neue Programm bringt eine neue Motivation. War der Abgang von ONCE überfällig?

Ich will nicht sagen, daß mein Programm bei ONCE schlecht war, aber die Zeit war sicher reif für einen Wechsel. Ich vergleiche mich mit einem Angestellten, der nach der Lehre in der gleichen Bude bleibt: Mit der Zeit kennt er den Betrieb in-und auswendig, es wiederholt sich alles. Und da braucht er eine Luftveränderung. In dieser Situation war ich.

Es gab auch Abnützungserscheinungen mit Manolo Saiz, Ihrem Chef und Mentor. Wie hat sich das Verhältnis zu Ihm seit Ihrem Abgang entwickelt?

Diese Abnützungserscheinungen gab es, und sie waren ganz normal. Doch wir haben uns mit schmerzenden Herzen getrennt. Er hat meinen Entscheid begriffen. Ich müsse wissen, was ich mit meinen Leben anfange, sagte er. Und das Verhältnis zu ihm ist noch immer sehr gut. Er ruft mich an, ich ihn, der Kontakt mit ihm ist gut, genauso wie mit den Fahrern von ONCE. Nur: Wir sind jetzt Rivalen. Er kennt mich genau und es ist nur logisch, daß er alles unternimmt, um mich zu schlagen. Und wenn er jetzt spanischen Journalisten sagt, ich würde nie mehr so stark fahren wie bei ONCE und es sei gut, daß ich gewechselt hätte, dann ist das taktisches Geplänkel.

Ist nicht Ihr Schwärmen für die neuen Verhältnisse bei Festina das Eingeständnis, daß zuletzt bei ONCE nicht mehr alles so gut war, wie Sie es damals sahen?

Das ist wahrscheinlich immer so, wenn man eine Arbeitsstelle wechselt. Man sieht als erstes, was besser ist und vorher nicht optimal war.

Was ist bei Festina besser als bei ONCE?

ONCE gehört wie Festina zu den am besten organisierten Mannschaften. Ich war bei ONCE genau so akzeptiert wie jetzt bei Festina, wir waren auch eine Familie und ich konnte auch mitreden. Bei ONCE ging es nach langen Disskusionen letztlich doch nach Manolos Kopf. Bruno Roussel kann besser zuhören, er gesteht auch Fehler ein. Der Stolz ist kein Argument, wie es bei Manolo war. Die Familie ist bei Festina auch etwas anders strukturiert. Roussel ist Sportlicher Leiter. Für die Technik ist der Mechaniker verantwortlich, für die Pflege der Masseur, für den Körper der Arzt. Bei ONCE hatten wir den starken Vater, der alles bestimmte und sehr viel selber machte. Roussel führt anders. Er ist ein Schlitzohr in Sachen Detailpflege. Das zeigt sich in der Art, wie er unsere Giro-Mannschaft zusammenschweißte, indem er uns immer wieder schmackhaft machte, den Zimmerkollegen zu tauschen, um alle besser kennenzulernen.

Bei Festina haben Sie jetzt auch Schweizer Kollegen.

Auch das ist ein wichtiges Detail. Armin Meier zum Beispiel kenne ich schon seit ewiger Zeit, wir waren in der gleichen Mannschaft, fuhren zweimal das Baracchi-Zeitfahren miteinander. Jeker war schon als Amateur mein Gegner, Dufaux war mit mir zusammen bei ONCE und zuvor zusammen mit Bruno Boscardin bei Jean-Jacques Loup bei den Elite-Amateuren. Ich traf bei meinem Wechsel viele vertraute Gesichter und das half bei der Integration.

Sie hatten gewisse Befürchtungen, daß Sie mit der französischen Mentalität Mühe haben könnten.

Ich dachte, es wäre schwieriger. Doch es gab bis jetzt nie Probleme. Schliesslich sind wir ja eine internationale Mannschaft, in der die Nationalität der Fahrer keine Rolle mehr spielt.

Haben Sie Richard Virenque überhaupt schon richtig kennengelernt?

Virenque, das ist ein besonderer Fall. Was habe ich zuvor nicht alles über ihn gehört. Gut, auf dem Velo ist er ein Tier, da hält ihn nichts zurück und man muss sich manchmal fragen: Was macht er jetzt wieder? Doch das macht ihn unheimlich populär und das ist gut für den Sponsor. Privat ist Virenque ein super, super Typ und alles andere als ein Egoist. Er interessiert sich wirklich dafür, ob es dir gut geht, und nicht nur mir, dem Zülle, sondern auch den anderen, weniger Prominenten. Er ist ein Chef in dieser Mannschaft und er interpretiert diese Rolle in einem sehr positiven Sinn. Da beschäftigt es ihn auch, wenn ein Neoprofi ein Problem hat.

Sprechen Sie schon Französisch?

Das ist ein heikler Punkt. Bis jetzt hatte ich noch gar keine Gelegenheit, die Sprache zu lernen. Ich verbrachte den größten Teil meiner Zeit mit dem Giro-Team, und da hat es Schweizer, Italiener und einen Spanier. Da wird alles andere als Französisch gesprochen. Auch Bruno Roussel spricht sehr gut Spanisch. Spanisch lernte ich auch nicht durch Bücher, sondern durch das Fernsehen, durch Zuhören und Probieren, miteinander zu reden. Bis jetzt bin ich im Französischen immerhin soweit, daß ich einigermaßen verstehe, wenn sie etwas sagen. Aber ich kann nicht reden. Das wird sich in den nächsten drei Jahren aber schon irgendwie ergeben. Auch wenn es eine verdammt schwere Sprache ist, wenn man von der Schule her keine Basis hat.

Von Tony Rominger haben Sie Marcelino Torrontegui als persönlichen Masseur übernommen. So behalten Sie wenigstens Ihr Spanisch warm.

Einen Masseur wie Marcelino gibt es keinen zweiten. Der ist einfach genial, nicht nur, was das massieren betrifft. Ich kenne keinen Menschen auf der Welt, der so fröhlich ist wie er. Ich wäre noch nicht weit, wenn ich jedesmal einen Strich machen würde, wenn er nicht lacht. Gerade für mich als Morgenmuffel ist es unheimlich wichtig, wenn mich einer mit einem strahlenden Lachen weckt.

Neu ist dieses Jahr auch das Material. War es eine große Umstellung?

Sie war für mich vor allem sehr positiv. Ich habe mich von einem Spezialisten in Paris ausmessen lassen, etwas, was ich bei ONCE nie getan habe. Dort hat Manolo Saiz meine Position bestimmt, mit meinen Einverständnis. Es gab diverse Änderungen an der Position, jetzt sitze ich etwas tiefer und auf dem Zeitfahren-Velo etwas kompakter und aerodynamisch entsprechend besser. Wichtiger ist für mich aber die Stabilität des neuen Velos. Jetzt schneide ich das alte Thema Stürze selber an. Ich will nicht behaupten, daß die Velos bei ONCE schlecht und damit schuld an einigen Stürzen waren, aber mit den Peugeot-Velos von Festina fühle ich mich viel sicherer, sei es in den Abfahrten oder im Gerangel im Feld. Und das ist für den Kopf unglaublich wichtig. Die Velos bei ONCE waren etwas leichter, doch vielleicht hat man dort zu sehr nur aufs Gewicht geschaut. Für einen großen Fahrer wie mich ist das neue Velo ideal.

Trotzdem sind Sie in diesem Jahr bei der Baskenland-Rundfahrt schon gestürzt.

Da konnte ich Belli, der vor mir gestürzt war, einfach nicht mehr ausweichen. Doch es war kein Sturz der haftenbleibt. Im Gegensatz zu Belli, der die Haut überall weg hatte, war ich unversehrt. Vielleicht war es Glück, aber vielleicht hatte ich dieses Glück, weil ich im Kopf frei von Angst war.

Wenn wir schon bei den Stürzen sind. Bei letzten schweren Sturz, in der Tour de Suisse, brachen Sie Sich das Schlüsselbein. Danach erzwangen Sie trotzdem den Start bei der Tour de France. Hat dieser „Murks“ in Ihrem Kopf keine Spuren hinterlassen?

Wäre etwas hängengeblieben, hätte ich im Herbst nie die Vuelta gewinnen können. Klar: Während der Tour de France habe ich alles veflucht und auch nach der Aufgabe, als ich mit der Freundin nach Spanien in die Ferien fuhr, kochte noch alles in mir. Doch nach einer oder zwei Wochen war der Ärger vorbei. Ich hatte mein nächstes Ziel und arbeitete darauf hin.

Sie hatten nicht das Gefühl, von Manolo Saiz verheizt worden zu sein?

Nein, überhaupt nicht. Die Operation war perfekt, wie sich das jetzt zeigt, denn ich spüre überhaupt nichts mehr, und auch am Verhalten von Manolo gibt es nicht auszusetzten.

War es ein aussichtslosen Unterfangen?

Da habe ich jetzt auch nicht den geringsten Zweifel. Wäre ich nicht gestartet, wären diese zehn Prozent Unsicherheit geblieben, ob es vielleicht nicht doch möglich gewesen wäre. Ausserdem wollte ich unbedingt starten, weil ich die ganze schwere Vorbereitung mit der fünfwöchigen Rennpause hinter mir hatte.

Jetzt haben Sie sogar vier Monate auf ein einziges Ziel hingearbeitet. Wie zügeln Sie in dieser Zeit Ihr Temperament?

Noch ein altes Thema: Zülle kann sich nicht zurückhalten. Ich habe mich in all den Jahren aber auch verändert und bin reifer geworden. Aber es war nicht so, daß ich in all den Rundfahrten dieses Frühjahrs nicht voll gefahren wäre. Sonst wäre ich bei Paris-Nizza nicht Vierter geworden und im Baskenland Dritter. Aber wenn es nicht dein Ziel ist, eine Rundfahrt zu gewinnen, dann bist du im Kopf nicht bereit, mehr zu leiden als nötig.

Läßt sich denn eine Form so genau planen?

Es gibt ganz wenige, die das können. Ein Miguel Indurain gehörte dazu oder auch Bjarne Riis. Ivan Gotti schafft es offenbar mit ganz wenigen Renntagen und viel Training. Da gibt es Leute, die genau wissen, zu wieviel Prozent sie in Form sind. Andere sagen, im Giro müsse man erst in der letzten Woche in Hochform sein. Das mag stimmen. Tonkov war letztes Jahr vielleicht zu früh in Form. Doch wenn ich beim Giro schon am Anfang in Hochform bin und die Gegner distanzieren kann, dann habe ich soviel Moral, daß ich leiden kann bis zum Umfallen.

Früher sandte Ihnen Saiz die Trainingspläne per Fax. Nach welchen Vorgaben trainieren Sie jetzt?

Bei Festina ist Antoine Vaillet dafür zuständig. Mit ihm spreche ich mich ab. Ich weiß, was in all den Jahren mit Manolo für mich gut war, sehe, was hier anders ist und picke mir das heraus, was am besten für mich sein müsste. Wichtig ist, daß ich genau aufschreibe, was ich im Training gemacht habe und ihm die Werte faxe. So lernt er mich genau kennen. Ich reise zwar nicht mit dem Laptop herum. Aber Armin Meier hat auf seinem Computer für mich ein File eröffnet und wertet für mich die Zahlen meiner Pulsuhr aus.

Haben Sie Sich schon überlegt, wie lange Sie noch Rennen fahren möchten?

Mein Vertrag mit Festina läuft jetzt einmal bis ins Jahr 2000. Dann bin ich 32 und schaue weiter von Jahr zu Jahr. Ich möchte nicht, daß ich nur des Geldes wegen fahre, dann muß alles stimmen, die Moral zum Training, die Bereitschaft zu leiden. Ich denke, bis 34 werde ich sicher dabeisein. Vielleicht kommt ja erst dann meine beste Zeit.

Fürchten Sie sich vor dem Leben nach dem Sport?

Ich weiß, daß es nicht einfach sein wird. Wir leben nun mal unter einer Glasglocke in einer ganz besonderen Welt. Es gibt genug Beispiel für Fahrer, die nicht aufhören können oder konnten. Deshalb muss man seinen Abgang gut planen.

Interview: Martin Born