::: Ein Portrait über Alex Zülle, des Gesamtführenden der Vuelta

Bevor er schlafen geht, läuft er normalerweise einige Runden ums Hotel / Sebastian Pozo, sein Masseur: "Entweder er bricht völlig ein oder er gewinnt, dazwischen gibt es nichts"

"Entweder er bricht total ein oder er gewinnt, dazwischen gibt es nichts. Zülle ist einer der herrausragenden Fahrer, die es nur einmal alle zehn Jahre gibt. Ich weiss nicht, ob er der Träger des gelben Trikots bleiben wird, aber wenn er ein Führungstrikot einmal hat, dann gibt er es nicht so einfach wieder ab. Er attackiert immer wieder, auch wenn er der Leader ist, wie er es bei Paris-Nizza getan hat. Wenn er das Trikot irgendwann abgeben sollte, dann, weil er seine Grenze erreicht hat." Die Worte von Once-Masseur Sebastian Pozo, der Zülle's Muskeln jeden Tag durchknetet, sind eindrucksvoll.

Pozo ist dem Radsport seit seinem fünfzehnten Lebensjahr verbunden. Zuerst als Fahrer in allen Kategorien und später als Profi im Team Kas. Dann begann er, als Masseur bei Reynolds, Kelme, Teka, Ferrys, Clas und Once zu arbeiten. Er hat viele Fahrer gesehen, hat viele Radsportgrössen getroffen, "aber keinen wie ihn. Er ist voller Energie und steht ständig unter Strom. Die ganze Familie ist wie er, sein Vater, seine Mutter. Er schläft wie ein Baby und hat einen ziemlich gesunden Appetit. Er macht keine Probleme, ausser bei Reispudding, den er als Kind so oft gegessen hat, dass er ihn jetzt hasst.

Pozo vergleicht ihn mit Breukink, "der erheblich ruhiger ist. Ich spiele keine Rolle bei taktischen Sachen oder technischen Angelegenheiten. Ich rede nur mit den Leuten nach jeder Etappe. Er mag es, Gesamtführender zu sein, er ist sehr ambitioniert. Er hat nur Angst, irgendwann ausgebrannt zu sein, aber wann das sein wird, weiss keiner." Ruhig und abgeklärt redet Zülle mit der spanischen Presse, gibt Interviews im Schweizer und deutschen Fernsehen. Da im Team Once jeder mit ihm Spanisch spricht, weil keiner Deutsch kann, versteht er inzwischen fast alles, wonach er gefragt wird.

Wenn er morgens um zehn aufsteht, dann hat er meist zwölf Stunden geschlafen. Es fällt ihm schwer, einzuschlafen, weil er so aufgekratzt ist, deswegen läuft er gewöhnlich ein paar Runden um's Hotel oder im Korridor bevor er ins Bett geht. "Sein ganzer Körper tat ihm weh, als er das Zeitfahren beendete. Sein Knie schmerzte, seine Nieren, einfach alles. Aber nach der Massage war alles wieder in Ordnung. Er steckt soviel Energie in seine Arbeit dass er am Ende total k.o. ist. Er spart keine Körner, auf dem Rad gibt er alles, was er hat." Er behält nichts in Reserve, er lebt von Tag zu Tag. Keiner seiner Teamkollegen weiss, was er als nächstes macht. Sie wissen nur: Wenn er abgehängt wird oder nicht attackiert, dann geht es ihm wirklich schlecht. Man muss ihm nicht sagen, dass er angreifen soll. Im Gegenteil, man muss ihn eher zurückhalten. Abends im Hotel braucht er nur eins, um glücklich zu sein: Den Anruf seiner Freundin aus der Schweiz. "Er ist wirklich aussergewöhnlich. Er hat alles, um ein Weltstar zu werden. Ich habe so jemanden noch nie gesehen."

Ein Schweizer Fahrer, der mit Zülle trainiert, ist Rolf Järmann (Aristotea). Er gewann das Amstel Gold Race, eine Tour de France-Etappe letztes Jahr und einige Etappen des Giro. Järmann sagt: "Wenn wir im Training zehn Kilometer gefahren sind und er jammert rum, dass ihm alles weh tut ... Oh je, das heisst, er ist in Topform und die tägliche Ausfahrt droht zur Tortur zu werden.Er wird dann immer besser, je länger wir unterwegs sind und irgendwann kann ihm keiner mehr folgen."

Der Träger des Gelben Trikots der Vuelta a Espana macht sich keine Sorgen. Er denkt nur an die Gegenwart, nicht an die Zukunft.

La Verdad, 3.5.1993, Benito Urraburu, Madrid