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Hoch die Beine. Zurücklehnen. Durchatmen, einfach mal entspannen. Alex Zülle ist ausgepumpt. Gezeichnet von der Tour, die bei extremer Hitze eine Tortur de Suisse war. Bei der die Beine schmerzten, die Lungen brannten. Kurze Momente nur. Aber harte. Am Ende war die Tour de Suisse für den Ostschweizer eine Triumphfahrt. Alex, der gelbe Riese, ist zurück. Zu Hause in Zuckenriet SG. Endlich wieder in seiner Traumvilla. Gelb wie das Trikot, das er neun Tage lang verteidigte. Endlich wieder zusammen mit Andrea Meyer, 30, seit der Sylvesternacht 1009 die Frau an seiner Seite. Ja, dieser Sieg gehört Andrea, sagte Alex. Vergessen sind die ungewissen Monate, die hinter den beiden liegen. |
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Eine Krisenphase, wie sie viele Paare zu meistern haben. Das ganz normale Leben. Mit langen und tiefgründigen Gesprächen über die Beziehung, die seit Jahren über Monate hinweg eine Fernbeziehung ist. So ist es in Alex Beruf. Von Etappenort zu Etappenort, von Hotelzimmer zu Hotelzimmer. Nur durchs Telefon mit dem Zuhause verbunden. Das Telefon. Ein heisser Draht. Einer, der Wunder bewirken kann. Bei zwei Liebenden am Hörer, die sich kennen, verstehen, schätzen. Am Abend vor der letzten Etappe sprach Andrea ihrem Alex Mut zu. Zülle: Ich war kribbelig. So nahe am Ziel, es verjagte mich fast vor Unruhe. Sie sagte zu mir: Schatz, diesmal hast du das nötige Glück. Glück in der Liebe, Glück im Sport - so einfach ist die Gleichung für den sensiblen Rad-Star. Dieses Kribbeln. Alex spürt es auch in seiner zwölften Profi-Saison. Er wertet es als gutes Zeichen. Als Zeichen, dass der Ehrgeiz noch da ist. Dass er, dank Millionen-Verträgen finanziell längst abgesichert, noch immer heiss auf Siege ist. Zu 60 Prozent, sagte er, habe er sich im Februar für den Rücktritt auf Ende dieser Saison entschieden. Und jetzt? Hängt Alex noch eine Saison an? Ich weiss es wirklich nicht. Bis Oktober lasse ich es offen - diese Frist habe ich mir gesetzt. Eine Entscheidung, die er, nur er ganz allein, fällen kann, fällen will. Andrea redet ihm nicht drein. Alex sagt: Ich kann jetzt noch so viel darüber brüten. Es brint nichts. Ich denke, dass ich mich dann aus dem Bauch heraus festlegen werde. Wahrscheinlich mit einem Sekundenentscheid. Sekunden. Alex jagt sie, seit er als 18-Jähriger für den VC Fischingen die ersten Velorennen bestritt. 1992 wurde er Profi, fuhr im Once-Team für 25 000 Franken pro Jahr. Sechs Jahre später wurden bei Festina drei Millionen Franken draus - pro Saison. Jetzt, bei Coast, fährt er für die Hälfte, aber mit doppeltem Einsatz. Diese Woche wird er 34 - die Tour de Suisse hat ihm gezeigt: Ich bin fürs Siegen noch nicht zu alt! Aber alt genug, um auf seinen Körper zu hören. Er weiss, wann es eine Tüte Kartoffelchips oder eine Tafel Schokolade verträgt. Sicher muss ich auf de Ernährung achten, aber ich bin kein Körnlipicker, sagt der schlanke Modellathlet. Wenn ich mal Gluscht auf Schoggi habe, gönne ich sie mir. Es bringt doch nichts, ums Verrecken darauf zu verzichten und dann eine Woche lang Süssigkeiten zu verputzen! Alex, wie man ihn kennt. Offen, gesprächig. Sympathisch. Ein Star zum Anfassen. Der selbst bei Puls 180 und im vollen Faden, wie er das horrende Tempo selber nennt, die Fans am Strassenrand wahrnimmt. Der von der Tour de Suisse schwärmt, weil dieses Rennen doch jede Oma kennt. Der sein Team lobt, betont, was für eine tolle Familie sie in diesen Tagen gewesen seien. Der tief beeindruckt war von der Begegnung mit dem gelähmten Ski-Rennfahrer Silvano Beltrametti, derihm am Etappenort Samnaun GR das Leadertikot übergab. Silvano war ein Draufgänger, immer voll am Limit. Und mit dieser Beherztheit packt er auch sein Schicksal an. Während einer Passabfahrt, sagt Alex, dürfe man nicht ans Risiko denken. Auch wenn mal einer im Graben liegt, verträgt es keine Ablenkung. Aber als ich Silvano traf, wurde mir bewusst, wie viel Glück ich im Leben immer hatte. Sturzerfahrung sammelte Alex genug während seiner Karriere. Holz aalange, sagt er. Es ist einige Zeit her, dass ich zu Boden musste. Sturzpilot wurde er oft genannt, er wehrt sich dagegen. Wenn Namenlose hinfallen, ist es kaum eine Zeile wert. Aber der Zülle mit seiner Brille, wenn der mal taucht - das ist halt eine tolle Schlagzeile. Dank der Sehhilfe, findet er, sei er bei schlechtem Wetter sogar etwas im Vorteil gegenüber seinen Konkurrenten. Trotzdem kriege er dauernd irgendwelche Ratschläge. Etwa, die Sehschwäche operativ beheben zu lassen. Das mag ja gut gemeint sein, sagt er nachsichtig. Aber mich hat die Brille noch nie gestört. Den Durchblick hat er behalten. Auch jetzt auf dem Sessel im Wohnzimmer. Ein paar Tage velolose Ferien will er sich gönnen. Vielleicht fahren Andrea und ich spontan nach Italien - wie letztes Jahr. Eine Fahrt wird der vierfache Götti ganz sicher unternehmen. In seinem Porsche Carrera 4 mit Patenkind Samuel auf dem Nebensitz. Das hat er dem Sohn von Ex-Profi und Freund Rolf Järmann fest versprochen. ::: Tony Rominger über Alex |
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© Text und Bilder: Schweizer Illustrierte 2002