Die Schweizer Sicht von Jörg Casanova, Tagesanzeiger (CH), Oktober 1996

::: Start-Ziel-Sieg von Alex Zülle

Der Wiler gewann die Zeitfahr-WM vor Chris Boardman und Tony Rominger. Nur zwei Wochen nach seinem Gesamtsieg in der Spanien-Rundfahrt feierte Alex Zülle einen weiteren grossen Erfolg: Vor Chris Boardman, dem hohen Favoriten, und Tony Rominger wurde der 28jährige Wiler in Lugano neuer Zeitfahr-Weltmeister.


Zülles insgesamt 22. Sieg in einer Prüfung gegen die Uhr wurde damit gleichzeitig zu seinem bisher wichtigsten. Die entscheidende Differenz schuf er auf ansteigender Straße. Auf der ersten 13 km vom Start in Lamone hinauf zum Wendepunkt auf dem 239 m höher gelgenen Monte Ceneri nahm er Boardman 15, Rominger sogar die enorme Differenz von 25 Sekunden ab.

Im 2 km langen Anstieg von Crespera nach Breganzona hinauf war er nochmals deutlich schneller als Boardman. Der Engländer, der seit seinem phantastischen Stunden-Weltrekord von Anfang September in einem halben Dutzend Zeitfahren über die verschiedensten Strecken und Distanzen mit der Gegnerschaft geradezu gespielt hatte, konnte in den Abfahrten und auf der Ebene dieses Handicap nicht gutmachen.


Boardmans Narben

Dabei spielten die Witterungsverhältnisse eine nicht zu unterschätzende Rolle: Während des ganzen Rennens regnete es in Strömen. Das machte die nasse, mit Pfützen durchsetzten Straßen tückisch und zwang vor allem bergab in den Kurven zu dosiertem Risiko. Daß Boardman auf den 4 km von Breganzona hinab durch die Stadt ans Seeufer nicht weniger als 13 Sekunden auf Zülle verlor, hatte weniger mit der forschen Fahrweise des Schweizers als vielmehr mit der Vorsicht des Briten zu tun.

Seit seinem schweren Sturz auf der regennassen Straße von St-Brieuc beim Prolog der Tour de France 1995 fährt bei Boardman unter solchen Bedingungen begreiflicherweise die Angst mit. „Jener Zwischenfall hat bei mir Narben hinterlassen“, bekannte er an der Pressekonferenz freimütig.

Wenig hätte gefehlt, 1,87 Sekunden, um ganz genau zu sein, und Boardman hätte auf diesem letzten Streckenabschnitt auch noch die Silbermedaille an Tony Rominger verloren. Rominger, zuletzt Sieger der beiden Vuelta-Zeitfahren jeweils wenige Sekunden vor Zülle, hat im Herbst seiner Karrier zunehmend Schwierigkeiten, nach dem Start oder beim Wechsel von der Ebene in einen Pass sofort zum optimalen Rendement zu finden.


Rominger, der Diesel

Dazu fehlt ihm mit 35 Jahren inzwischen die nötige Explosivität. Die Zeitfahr-WM von Lugano verlor er auf den erstem 26 km, auf denen er 42 Sekunden auf Zülle einbüsste. Als sein „Dieselmotor“ dann jedoch einmal richtig lief, war er gleich schnell wie sein Schweizer Landsmann. Im Ziel war der Abstand fast auf die Zehntelsekunde gleich, auf Boardman machte Rominger hingegen nicht weniger als 26 Sekunden gut. Ein paar Kilometer länger und ein Schweizer Doppelsieg wäre perfekt gewesen.


Die deutsche Sicht aus der Tour - Dezember 1996

::: Das Regenbogenfestival

Das Zeitfahren der Elite über 40,4 Kilometer fand unter schwierigsten Bedingungen statt. Strömender Regen forderte in Verbindung mit einem kurvenreichen und anspruchsvollen Parcours die Steuer- und Kletterkünste der Zeitfahrer. Das Teilnehmerfeld wirkte obendrein ein wenig "gerupft" - von den 42 gemeldeten Fahrern konnten nominell fünf in den Kampf um die Medaillen eingreifen. So konzentrierte sich das Interesse in erster Linie darauf, in welcher Reihenfolge die Herren Boardman, Rominger und Zülle auf die Ergebnisliste gelangen würden. Der Titelverteidiger Miguel Indurain war gar nicht am Start und der Silbermedaillengewinner von 1995, Abraham Olano, ohne ernsthafte Ambitionen. Aus deutscher Sicht ruhten die Hoffnungen auf Uwe Peschel, der im Vorfeld der WM mit guten Zeitfahrresultaten seine Ausnahmestellung als bester Amateur-Zeitfahrer bestätigt hatte. Es war dann Alex Zülle, der mit den Anforderungen durch Wetter und Strecke am besten zurechtkam. Wie schon Jeanni Longo im Rennen der Frauen markierte der Schweizer bei allen drei Zeitnahmen unterwegs die Bestzeiten - Chris Boardman und Tony Rominger folgten mit 39,79 bzw. 41,66 Sekunden Rückstand auf den Plätzen. Für Zülle war anschließend klar: "Ich habe das Rennen in den Steigungen gewonnen und auf den letzten zwei Kilometern. Tony und Boardman sind aerodynamisch ganz klar besser als ich, aber den Vorteil konnten sie auf dieser Strecke nicht ausspielen." Insofern war Zülle der späte Nutznießer der WM-Verlegung nach Lugano. Ürsprünglich sollten die Titelkämpfe ja in Wil stattfinden, dem Heimatort Zülles. Dort wäre der Zeitfahrparcours flach gewesen. Allerdings, so Zülle, habe man sich das Rennen auch auf dem steigunsreichen Parcours in Lugano nicht einteilen können: "Beim Zeitfahren musst du vom Start weg alles geben und möglichst viel Zeit gutmachen.Am Ende geht's dann nur noch um's Durchhalten." Der hochgewachsene Schweizer, dem bei der Siegerehrung Tränen der Rührung über die Wangen liefen, machte noch auf ein weiteres Detail des eidgenössischen WM-Erfolges aufmerksam:"Wolfram Lindner und mein Once-Teamchef Manolo Saiz haben wirklich sehr gut zusammengearbeitet, da gab es keinerlei Kompetenzstreitigkeiten. Ich verdanke den beiden sehr viel." Für Lindner schien die Kooperation ein Selbstverständlichkeit zu sein: "Die Sportlichen Leiter arbeiten das ganze Jahr über mit den Rennfahrern und kennen sie besser als ich. Warum sollte ich mich da einmischen und den Profis Vorschriften machen?" Uwe Peschels sechster und Michael Richs zwölfter Platz waren erfreuliche Resultate - dennoch waren sie angesichts der Witterungs- und Streckenverhältnisse an diesem Tag nicht optimal "beritten". Die FES-Laufräder, gebaut, um schnell geradeaus zu fahren, erwiesen sich in engen Kurven und an Steigungen überfordert. Im Wiegetritt streifen die Bremsen, Uwe Peschel musste beim Anbremsen einer Kurve den Fuß aus der Pedale nehmen, um die Balance zu halten. Auf diese Weise hat der Berliner mehr Zeit verschenkt als die knapp drei Sekunden, die ihn vom fünftplazierten Daniele Nardello (Italien) trennten.